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Freitag, 6. Oktober 2017

Haute Route Mont Ventoux – 1. Etappe: Sturm, Kampf, survived đŸ˜”… Pl 10

Ich hatte Bock auf das Rennen heute. UnabhĂ€ngig der vorangegangenen Dinge und unabhĂ€ngig von der Windprognose fĂŒr heute. Der Berg des Windes machte heute seinem Namen alle Ehre und hat mich dermaßen in die Knie gezwungen, dass ich derzeit nicht weiß, ob ich die horizontale Position  heute nochmal verlassen werde. Oh mein Gott bin ich tot. Das Rauschen in den Ohren will gar nicht mehr aufhören und meine Beine gehören nicht mehr zu diesem Körper. Aber neben all dem Todsein, ist ein Teil auch stolz, dass ich bis ins Ziel gekommen bin und heute 136 km und 2732 Hm zurĂŒckgelegt habe.

Trotz all der Qualen happy am Chalet Reynard

Hier die Daten zum Drama: Strava

Der Start
Übermotiviert bin ich heute frĂŒh mit meinem Rennrad nach Bedoin, was nochmal 200 Hm und 11 km ausmachte. Ich dachte, es wĂ€re ein gutes Warm-Up aber da hab ich irgendwie nicht an die RĂŒckfahrt gedacht, auf der es so dermaßen geblasen hat, dass ich mehrmals ĂŒberlegt habe, mich an den Rand zu setzen und auf ein Auto zu warten, das mich mitnimmt. Wie kann es bei so schönem Wetter so dermaßen stĂŒrmen?! Spinnt die Natur hier?

Tour der Leiden
Jedenfalls hatte ich heute viel Zeit, darĂŒber nachzudenken, warum ich mir das antue. Und dabei ging es trotz Übelkeit ab Minute 1 ganz gut los und ich konnte mich immer unter den ersten 5 Ladies aufhalten. Aber es war halt auf den ersten 50 Kilometern ein reines Straßenrennen und ich glaube, ich ĂŒberpace da manchmal etwas und verliere zu viele Körner. Jedenfalls verlor ich schon am ersten Anstieg nicht nur Körner, sondern gleich einige PlĂ€tze, am 2. dann noch mehr, denn da bin ich gefĂŒhlt auf allen Vieren hoch. Erst danach lief es besser und ich kam noch als 10. Gesamt am Chalet Reynard an. Die Organisation Haute Route hat das Rennen dort verkĂŒrzt, da eine Gipfelfahrt bei dem Wind unmöglich und viel zu gefĂ€hrlich war. Finde ich lobenswert!

Die Übelkeit kam sicher daher, dass ich gestern Abend so Schmerzen in meinem rechten Mittelfinger mit kaputter Kapsel hatte (letzten Samstag beim Training fĂŒr die Vereinsmeisterschaft auf der Borderline gestĂŒrzt), dass ich vorsorglich heute eine Voltaren genommen habe. Ein Fehler, denke ich jetzt. Bin sowas auch einfach nicht gewohnt. Der Finger tat mir trotzdem bei jeder Unebenheit weh und man kann weder den Lenker richtig halten, noch gut bremsen aber die Übelkeit war so krass, dass ich stĂ€ndig dachte, ich mĂŒsse mich ĂŒbergeben. Aber fast schlimmer war mein Hals, der sich schon in den letzten Tagen bemerkbar gemacht hatte. Ich hab keine Luft gekriegt, alles war verschleimt. Gekeuche, unrunder Tritt, RĂŒckenschmerzen on Top, kreisende Gedanken ans Aufgeben und unendlich viele Höhenmeter vor mir. Mein Kopf sagte unaufhörlich: Du musst es hier niemandem beweisen, den Berg interessiert es sowieso einen Scheiß, ob Du oben ankommst oder nicht, und den Rest der Welt auch! Aber irgendwas hat mich weiter vorangetrieben.

Getapter Kapselriss. Braucht man jetzt nicht unbedingt fĂŒr so ein Rennen…

Und natĂŒrlich kommt das alles nicht von ungefĂ€hr… die letzten Wochen mit viel zu viel Arbeit, SchiksalsschlĂ€gen und die fehlende Ruhe und Erholung haben mir heute mit voller Wucht gezeigt, dass es so halt nicht geht und ich halt auch nur ein Mensch mit begrenzten körperlichen und emotionalen KapazitĂ€ten bin.

Der Radtouristiker
Dann kam oben am 2. Gipfel die Verpflegung und seelenruhig hab ich mein Rad in den StĂ€nder gestellt und meine Flasche mit Cola gefĂŒllt. Ich kam mir vor wie ein Radtouristiker zwischen all den hektischen Wettkampfsportlern aber mir was alles egal. Eine halbe Flasche Coke auf Ex und noch nen sau trockenen Malzkuchen (Kult bei den französischen Rennen) oben drauf und weiter. Es wirkte Wunder. Mein Magen beruhigte sich und irgendwie fĂŒhlte ich mich sogleich besser.

Hier bei der Registrierung gestern

Die Abfahrt war eisig. Ich hing in einer Gruppe aber der Wind kam so heftig von der Seite, dass ich nicht wusste, wie ich Armlinge und Windweste herausholen sollte, ohne das die HĂ€lfte auf der Straße landet. Handschuhe hatte ich auch noch in die Taschen gestopft und natĂŒrlich alles wild durcheinander. Also nichts angezogen. Auch egal. In Sault dann der lange, recht flache Anstieg zum Mont Ventoux. Ich mag den Anstieg. Ist einfach gut zu fahren, wenn man jemanden hat, der einen zieht. Ich war mit paar Jungs aus Spanien unterwegs und die hatten ein gemĂŒtliches Tempo drauf, was ich gut halten konnte. Ich machte gar keine Versuche, auszubrechen und so fuhren wir zu 5. bis zum Chalet Reynard, dem heutigen Etappenziel.

Zu kalt, zu warm, zu viel Wind… auf jeden Fall Klamottenchaos

Dort bekam man dann seinen Rucksack und konnte sich warm eingepackt auf die Abfahrt begeben, die außerhalb der Wertung lag, was eigentlich blöd fĂŒr mich ist, denn ich kann wohl besser bergab als bergauf fahren 😂. Falsches Rennen, ich weiß. Ich liebe die Abfahrt nach Bedoin aber heute war sie, aufgrund der heftigen Seitenböen, hart zu fahren.

 Und ja, es war eins meiner schwersten Rennen ĂŒberhaupt. Nicht wegen den vielen Höhenmetern, sondern wegen dem mentalen Kampf. Und das Beste dran ist: morgen geht es weiter und wird noch schwerer đŸ˜±:140km, 3300 Hm. Gute Nacht Miss Markert đŸ€Ł. Ich werd's versuchen. Meine Stirn ist breit und am Ende wird man sehen, wer als Gewinner hervorgeht: der Berg der Leiden oder ich 😇 und wenn alles nicht hilft, gibt's ne Gratisfahrt im Besenwagen. Da windet es wenigstens nicht so. đŸ€Ł
Stay tuned… eure Reb

BĂ©doin gestern Abend…